„zu weit weg von allem“

Lappat in Jürgenstorf
Innenministerium Vertreter Lappat in Jürgenstorf.

Ein Blumenladen, ein Hotel und ein Restaurant, so schaut es aus in Jürgenstorf — einem kleinen Dorf in der Nähe der Kleinstadt Stavenhagen. Dort ist es trist und weit ab vom Schuss, wie in vielen Ortschaften im Landkreis „Mecklenburgische Seenplatte“, in denen die meisten Menschen höchstens nur einmal auf der Durchreise Halt machen. In der Gemeinde mit etwas mehr als 1.000 Einwohner_innen leben momentan circa 200 Menschen in der Flüchtlingsunterkunft. Es ist die Letzte ihrer Art in MV, die nicht in der direkten Nähe einer großen Stadt liegt. Die Lebensbedingungen in diesem Heim sind menschenunwürdig. Der schlechte Zustand des Gebäudes, Kakerlaken und die Unfähigkeit der lokalen Behörden sind nur einige der Probleme, mit denen sich die Heimbewohner_innen täglich konfrontiert sehen. Die Lage der Unterkunft in einem Dorf, das nicht einmal über eine Einkaufsmöglichkeit verfügt, und das geringe Angebot an Sprachkursen fördern die Isolation und die Ausgrenzung der Flüchtlinge.

So ist die Entscheidung, auf ihre Situation mit einem offenen Brief1 aufmerksam zu machen und die Schließung des Heims zu fordern, auch mehr als nachvollziehbar. Bedingt durch das Medieninteresse kündigten nun auch die Ausländerbehörde und andere zuständige Stellen für den 7. Oktober eine Begehung vor Ort an.

Solidaritätskundgebung für Flüchtlinge
Um die Asylsuchenden zu unterstützen, rief die “Stop It“-Kampagne2 für den gleichen Tag zu einer Kundgebung in Jürgenstorf auf. Etwa 50 Menschen, unter anderem aus Rostock, Greifswald und Neubrandenburg, fanden sich vor der Unterkunft ein, um ihre Solidarität mit den Flüchtlingen und ihre Forderungen zum Ausdruck zu bringen. Neben Redebeiträgen zu den Lebensbedingungen von Flüchtlingen in Deutschland, zu den vielfach kritisierten menschenverachtenden Praxen in der Ausländerbehörde Demmin und zur deutschen Asylpolitik kamen auch viele der Heimbewohner_innen zu Wort und konnten ihre Probleme öffentlich artikulieren. Auch einige Dorfbewohner_innen beobachteten die Veranstaltung.

Am Ort des Geschehens
Rainer Plötz (ganz links) und andere Offizielle im Zwiegespräch mit Flüchtlingen

Die Begehung des Flüchtlingsheims, an der Vertreter_innen des Innenministeriums, des Ordnungsamtes, der Ausländerbehörde, der Malteser (Träger des Heims) und der örtlichen Schule teilnahmen, wirkte leicht skurril und hilflos. Unter den Anwesenden war auch der Leiter der Demminer Ausländerbehörde und des Demminer Ordnungsamts, Rainer Plötz. Die Ausländerbehörde und Plötz standen in der Vergangenheit schon öfter in der Kritik. So gab es gegen ihn ein Verfahren wegen der Nötigung eines Flüchtlings. Mitarbeiter_innen der Behörde trugen während der Arbeit offen Schreckschusspistolen3, der Leiter sah darin kein Problem. Nachdem sich nun die Behördervertreter_innen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Presse mit der Heimleitung unterhielten, durften später dann doch auch Journalist_innen an der Begehung teilnehmen. Vertreter_innen des „Psychosozialen Zentrum“ und des „Flüchtlingsrats“, welche die Bewohner_innen betreuen, sowie andere Unterstützer_innen durften nicht teilnehmen. Auf die Frage, wie er die Situation in der Unterkunft einschätzt, antwortete der Mitarbeiter des Innenministeriums, Herr Lappat, sichtlich nervös: „Das Heim ist in einem Zustand, da kann man noch etwas machen.“ Im anschließenden Zwiegespräch zwischen Behördenvertreter_innen und Bewohner_innen machten die Flüchtlinge gleich mehrfach deutlich, warum die Unterbringung in Jürgenstorf nichts mit einem selbstbestimmten und menschenwürdigen Leben zu tun hat. So beklagten sie sich über gesundheitliche Probleme wie Depressionen, da ihr Tagesablauf aufgrund der zwangsläufigen Ausgrenzung nur aus Essen und Schlafen bestünde, oder über rassistische Erlebnisse im Ort und den Schulalltag der Kinder. Der Aussage des Ministeriumsvertreters, der den Eindruck hatte, „dass die einheimischen Bürger sie durchaus hier akzeptieren und auch gerne hier haben. Sie sind hier an sich willkommen hier in Jürgenstorf“, widersprachen sie: „Wenn wir zum Supermarkt gehen, halten die uns für Diebe, es gibt keinen Respekt […] dieses Heim funktioniert nicht, weil es zu weit weg von allem ist“.

Probleme gibt es viele – aber nur eine Lösung

Die Probleme der Migrant_innen in Jürgenstorf sind vielfältiger Natur. Durch die abgelegene Lage des Heims, den mangelnden Deutschkenntnissen aufgrund fehlender Sprachkurse, sowie durch die starke Ausgrenzung vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben, sind Depressionen und andere Krankheiten keine Seltenheit.

Sprachkurse werden erst seit kurzem auch im Heim und dabei auch nur mit deutschsprachigen Aushängen beworben und angeboten. Bei Gesprächen mit Verantwortlichen werden in der Regel keine Dolmetscher_innen eingesetzt. In Jürgenstorf gibt es zwar einen Arzt und eine Grundschule, aber keinen Supermarkt und auch keine Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Um ihren Einkauf zu erledigen, müssen die Flüchtlinge bis ins 5 km entfernte Stavenhagen fahren. Als Nahverkehr steht hierfür nur der Schulbus zur Verfügung, der in den Ferien nur einmal und ansonsten kaum öfter verkehrt. Den Weg zu Fuß zurückzulegen, ist gerade für Kinder und alte Menschen sehr belastend. Auch kam es auf diesem Fußweg raus aus Jürgenstorf schon häufiger zu rassistischen Übergriffen.

Das Gebäude des Flüchtlingsheims ist zudem eine alte und unsanierte Platte. Die Wände sind dünn und das Mobiliar in den Zimmern ist in einem desolaten Zustand. In den Gemeinschaftsküchen gibt es zu wenige Herdplatten und Backöfen. Das führt gerade mittags regelmäßig dazu, dass sich lange Schlangen vor den Kochstellen bilden. Es gibt auch nicht viele Kühlschränke, was gerade aufgrund der großen Entfernung zum nächsten Lebensmittelgeschäft äußerst problematisch ist.

Außerdem bereitet ein großes Ungezieferproblem den Bewohner_innen schlaflose Nächte. Nicht nur die Situation in den Wohnräumen und Küchen ist für die Bewohner_innen belastend. Die sanitären Einrichtungen sind ebenfalls teilweise marode, die Duschen können in den oberen Etagen nicht reguliert werden sondern nur von der Heimverwaltung. Im Heim gibt es weiterhin keinen Internetzugang und auch keine Möglichkeit, Dokumente zu kopieren oder zu faxen. Auf dem Gelände der Unterkunft gibt es keinen richtigen Spielplatz und auch das vermeintliche Spielzimmer, welches eh nicht groß genug für alle Kinder wäre, ist meist abgeschlossen.

Die Betrachtung dieser Fakten führt schnell zu einem Ergebnis, welches die Bewohner_innen bereits in dem offenen Brief als Forderung formulierten:
„Wir fordern, dass das Heim in Jürgenstorf geschlossen wird, da kein Mensch unter diesen Umständen leben kann. Zu viele Menschen sind schon erkrankt. Wir fordern, dass alle Bewohner_innen des Heimes in Städten leben können, in denen es die Chance auf ein menschenwürdiges Dasein für uns gibt.“

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung via: H. Schlechtenberg, Flickr Alle Rechte vorbehalten …

  1. offener Brief der Flüchtlinge[zurück]
  2. trugen während der Arbeit offen Schreckschusspistolen [zurück]
  3. “Stop It“-Kampagne [zurück]
WEITER SAGEN:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • MySpace
  • Tumblr