Teterow, eine Stadt versinkt in Symbolpolitik?

Autonome Nationalisten Teterow 5 März 2011

Wenn die Nazis aufmarschieren, dann sollte es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dagegen vorzugehen und zu protestieren. Die Wege, die dabei gewählt werden, können ganz unterschiedlich sein. Alarmierend ist das in letzter Zeit immer häufiger zu beobachtende  Vorgehen der Zivilgesellschaft – wie beispielsweise am vergangenen Samstag in Teterow. Kündigte man ursprünglich noch an, eine zeitgleiche Gegendemonstration zum Naziaufmarsch durchführen zu wollen, wählte man letztendlich doch einen anderen Weg.
Am 10. Februar erschien der Aufruf der NPD zu einer Demonstration in Teterow unter dem Motto „Zukunft statt Hartz IV – Volkstod stoppen!“. Daraufhin formierte sich ein Bündnis aus Vereinen, Parteien, Kirchen und Gewerkschaften unter dem Namen „Teterow hat Zukunft“.
In einem Artikel des Nordkuriers vom 23. Februar kündigte dieses Bündnis eine zeitgleiche Gegendemonstration an,wobei darauf hingewiesen wurde, „dass wir so was nicht einfach unbeachtet und unbeteiligt zulassen“. Dieser Vorsatz wurde anscheinend innerhalb kurzer Zeit wieder aufgegeben. Nur fünf Tage später war von einem Engagement am Samstag keine Rede mehr.
Stattdessen rief man zu einer „Willensbekundung“ in der Stadtkirche am Freitag und einem ökumenischen Gottesdienst am  Sonntag auf. Auch wenn sich mehrere hundert Menschen zu der Verstaltung am Freitag einfanden, den Nazis dürfte diese Sandwich-Taktik, die nicht mehr als schöne Bilder für die Presse produziert, denkbar egal gewesen sein. Und Teterow ist nicht der erste Fall, in dem Aktivbürger_innen und streitbare Demokrat_innen den Nazis bei ihren „Protestaktionen“ bewusst  aus dem Weg gehen.

In Neustrelitz demonstrierte die NPD bereits am 23. Oktober des letzten Jahres. Die primären Gegenaktivitäten bestanden aus einer Kundgebung auf dem Marktplatz und einer Leseveranstaltung im Borwinheim, die im Nachhinein als großer Erfolg präsentiert wurde. Beide Veranstaltungen fanden in klarer räumlicher Distanz zu der Neonazi-Demonstration statt. Dass dies eine bewusst gewählte Strategie der zivilgesellschaftlichen Akteur_innen vor Ort war, zeigt ein Zitat aus dem Aufruf des lokalen Bürgerbündnisses: „Wir vermeiden bewusst den direkten Kontakt mit den Demonstranten.“.
Auch bei anderen Demonstrationen – etwa in Schwerin und Anklam – beließ es die Zivilgesellschaft bei symbolischem Protest. Dieser schränkt die Nazidemonstrationen in keiner Weise ein und ermöglicht ihnen den ungestörten Aufbau einer martialischen Drohkulisse vor Ort.
Diese Vorgehensweise hat in Teterow eine neue Dimension angenommen. Gottesdienste und „Bratwurst essen gegen Rechts“ haben seit jeher Hochkonjunktur, aber diesmal wurde sich nicht nur für eine räumliche, sondern auch für eine zeitliche Trennung entschieden. Diese Strategie zieht ganz im Sinne der Polizeibehörden den Effekt nach sich, dass Gedendemonstrationen und Protest – also simple aber essentielle Bestandteile einer demokratischen Streitkultur – nahezu verunmöglicht werden. Anstatt sich der Gefahr durch das ungebremste Treiben von Neonazis gewahr zu werden, verlieren sich fast alle gesellschaftlichen Akteur_innen vor Ort in einem Weinen, um das vor die Hunde gehende schlechte Image ihrer Städte.
Ganz im Sinne der Extremismusdoktrin werden für politische Auseinandersetzungen verwaltungsrechtliche und polizeiliche Lösungen gesucht. In dieser Gemengelage wird die allgegenwärtig geschürte Angst vor herbeihalluzinierten steinewerfenden Linkschaoten zum bequemen Anlass genommen, sich auf Bratwurstfesten und Friedensgebeten fern ab vom Geschehen zu verstecken.

Tatsächlich wäre mit den 500 Leuten, die am Vorabend des 5. März zu der Symbol-Veranstaltung kamen und der örtlichen Jugend, welche sich den Protest in Sicht & Hörweite dann doch nicht nehmen ließ, einiges möglich gewesen.
Am 5. März selbst war so nur vereinzelter, aber dennoch Protest von ca. 70 meist jungen Leuten spürbar. Das Stadtbild wurde an diesem Tag von Polizei und gewaltbereiten „Autonomen Nationalisten“ geprägt.
Stefan Witte
Der Teterower Neonazi Stefan Witte

Die Nazis, welche sich scheinbar dem Lederhandschuh-Fetisch verschrieben haben, gaben sich von Anfang an einem militanten Habitus hin. Fünf Gegendemonstrant_innen, welche sich mit einem Transparent in Bahnhofsnähe bemerkbar machten, wurden durch Neonazis aus der Demonstration heraus angegriffen. Auch ein Kamerateam des NDR bekam die aggressive Stimmung zu spüren. Nachdem sie zunächst beschimpft wurden, besprühte einer der Neonazis plötzlich das Objektiv des Kameramanns mit einer zunächst nicht zuordbaren Flüssigkeit, die sich später wohl als Desinfektionsmittel herausstellte.
Ebenso bezeichnend war das Verhalten der Polizei, die es nicht für nötig hielt, einzugreifen als aus dem NPD-Demonstrationszug Pyrotechnik in eine kleinere Gruppe Protestierender geworfen wurde. Stattdessen wurden die Gegendemonstrant_innen gewaltsam abgedrängt, während sie die Neonazis gewähren ließen.
Sprechchöre wie: „Zerschlagt den Zecken die Schädeldecken“ prägten den Charakter der 200 sich selbst als „autonom“ bezeichnenden NPD-Handlanger und ihres gesamten lächerlichen Umzuges. So wundert es auch nicht, dass der Gastredner „Marc Oliver Matuszewski“ aus Hannover die alte Parole von „Kriminellen Ausländerbanden“ herausholte und sich in rassistischer Manier beschwerte: „Kinder lernen in der Schule dann Kanack anstatt Deutsch“. Die weiteren Redner an diesem Tag waren neben einem völlig in schwarz gekleideten Nazi welcher als „Aktivist aus Teterow“ angekündigt wurde und sich durch eine ebenso lange, wie ermüdend abgelesene Rede auszeichnete, die Mitglieder der NPD-Landtagsfraktion Udo Pastörs und Stefan Köster.
Lederhandschuh-Fetisch
Lederhandschuh-Fetisch

Am Beispiel von Teterow zeigt sich zum wiederholten Male, dass die „Freien Kräfte“ alles andere als „frei“ und „unabhängig“ sind. Während die Anmeldung der Demonstration durch David Petereit erfolgte, wurde der Lautsprecherwagen aus Nordwestmecklenburg von einem Nazi aus dem Umfeld von „Sven Krüger“gestellt. Dies spiegelte sich auch im Ordnerpersonal wider, dass durch NPD-Kader wie Hannes Welchar aus Friedland, Stefan Zahradnik aus Bad Doberan oder dem als gewaltbereit geltenden Michael Grewe abgedeckt wurde. Die NPD stellte die Infrastruktur und ermöglichte so eine „Spielwiese“ für ihre meist junge und ganz in schwarz verkleidete Gefolgschaft.
Die ca. 200 teilnehmenden Neonazis kamen aus den Landkreisen Güstrow, Nordwestmecklenburg, Rostock, Bad Doberan und Malchin, sowie aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Berlin (u.a. „Autonome Nationalisten Oder-Spree“, „Freie Kräfte Berlin-Süd-Ost“).
Die Stadt Teterow wird sich nun fragen müssen, was denn der Erfolg ihrer Sandwich-Taktik war und welche Signalwirkung man sich davon verspricht, die wenigen antifaschistischen Jugendlichen von vor Ort mit dem gewalttätigen Neonazimob auf der Straße alleine zu lassen.

Gegendemonstrant_innen werden von Polizei abgedrängt
Gegendemonstrant_innen werden nach Pyrotechnik Attacke der Nazis von Polizei abgedrängt

Anton Rummelhagen, Denny Subke, Marc Oliver Matuszewski, HDJ-Aktivist Friedrich Tinz
Neonazis Hannover: Anton Rummelhagen (mit Brille ganz links), Denny Subke (Blick nach unten), Marc Oliver Matuszewski (rechts neben Subke) und HDJ-Aktivist Friedrich Tinz aus Satow b. HRO (rechts außen im Bild)

Michael Grewe, Redner aus Teterow, Udo Pastörs, Stefan Köster
v.l.n.r.: Michael Grewe, Redner aus Teterow, Udo Pastörs und Stefan Köster

Hannes Welchar
in der Bildmitte, Hannes Welchar aus Friedland im Gespräch mit anderen Ordnern

NSR, Nationale Sozialisten Rostock
Nationale Sozialisten Rostock

Rostocker Division
Rostocker Neonazis mit eigenen Pullovern, Aufdruck auf der Rückseite „Kampf bis zum Endsieg“

Alf Börm, Siegfried Hille
ganz links Alf Börm, rechts 2 Reihe mit dunkler Kapuze auf dem Kopf Siegfried Hille

Uwe Dreisch aus Berlin
mit Glatze im Vordergrund Uwe Dreisch aus Berlin ehemals Frontbann 24

Freie Kräfte Berlin Süd Ost
Freie Kräfte Berlin Süd Ost

Autonome Nationalisten Oder Spree
Autonome Nationalisten Oder Spree

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