Nichts und niemand ist vergessen!

Ein Redebeitrag der antifa_unlimited

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Zum zehnten Mal jähren sich in diesem Jahr die Morde an den Greifswalder Obdachlosen Klaus-Dieter Gerecke und Eckard Rütz. Erstmals versuchten Neonazis in den letzten Tagen in den öffentlichen Erinnerungsdiskurs zu intervenieren und das Gedenken für sich zu instrumentalisieren. Die örtliche Nazigruppierung legte einen Kranz nieder und auf einschlägig bekannten Neonaziwebseiten wurde zum Gedenken an die Obdachlosenmorde aufgerufen. Warum Neonazis bei diesem Anlass nichts zu suchen haben, was hinter ihren Parolen zum Gedenken steckt und warum die Ursachen der Morde in der Verfasstheit dieser Gesellschaft liegen…

Für die gesellschaftlichen Probleme bieten die Neonazis ganz unverblümt den historischen Nationalsozialismus und seine Volksgemeinschaftsideologie als Lösung an. Demnach wären Obdachlose wie Rütz und Gerecke in erster Linie als sogenannte deutsche Volksgenossen zu betrachten, denen Hilfe gebühre. Der Nationalsozialismus, so argumentieren die Nazis, habe sich bereits ab 1933 erfolgreich des Problems der Wohnungs- und Obdachlosigkeit angenommen. Diese Argumentation ist nicht nur rassistisch, sondern aus historischer Sicht auch völlig verkürzt.
Rassistisch deshalb, da das Konstrukt der deutschen Volksgemeinschaft von vornherein Menschen ausgrenzt und abwertet, die nicht den willkürlich festgelegten und biologistischen Kriterien eines oder einer „Deutschen“ entsprechen. Solidarität und Hilfe gibt es in der völkischen Weltanschauung nur für die „eigenen Volksgenossen“. Menschen nicht-deutscher Herkunft, Jüdinnen und Juden, aber auch als „Zigeuner“ stigmatisierte Menschen waren von gesellschaftlicher Teilhabe von vornherein ausgeschlossen.
Ausgegrenzt wurden aber auch all diejenigen, die nicht der nationalsozialistischen Norm eines körperlich gesunden, wirtschaftlich aufstrebenden und moralisch wie politisch konformen „Deutschen“ entsprachen. Davon waren unter anderem auch Erwerbs- und Obdachlose betroffen.
Was die Neonazis um „NS-Greifswald“ und „Mupinfo“ als Hilfsmaßnahmen der NS-Regierung für Obdachlose verkaufen wollen, bedeutete in der historischen Realität für die Betroffenen die Einweisung in sogenannte „Arbeitshäuser“ und die Verpflichtung zur Zwangsarbeit. Auf der Grundlage von Gesetzen aus der Weimarer Republik wurden bereits 1933 nach einer Razzia mehrere tausend Obdachlose in solchen Einrichtungen interniert. Dort versuchte man sie im Rahmen der nationalsozialistischen Verwertungslogik zu nützlichen Gemeinschaftsmitgliedern zwangsweise zu disziplinieren. Wer den NS-Standards eines für die Volksgemeinschaft nützlichen Verhaltens nicht entsprach, entsprechen konnte oder wollte, wurde als „asozial“, „arbeitsscheu“ oder „minderwertig“ stigmatisiert. Den betroffenen Personen wurde aufgrund einer menschenverachtenden Kosten-Nutzen-Kalkulation ihre Würde und ihre Existenzberechtigung abgesprochen. In den folgenden Jahren wurden Erwerbs- und Obdachlose unter dem Stigma „asozial“ in Konzentrationslager deportiert und der „Vernichtung durch Arbeit“ preisgegeben.
Den Nazis ging und geht es also niemals um die Menschenwürde der Betroffenen oder darum Verhältnisse zu schaffen, in denen alle Menschen unabhängig ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sozialen Situation unter existentiell gesicherten Bedingungen ein würdiges und selbstbestimmtes Leben führen können . Ihre vermeintliche Solidarisierung mit Obdachlosen fußt auf einer sozialrassistischen Ideologie, die für alle, die sich nicht in den Dienst der imaginierten Volksgemeinschaft stellen können oder wollen, eine Ausgrenzungs- und Vernichtungsandrohung bereithält.

Mit der Niederschlagung des Nationalsozialismus wandelten sich die staatlichen Ausgrenzungsmechanismen erheblich, während die Prinzipien der Stigmatisierung weitestgehend erhalten blieben. Ein bis heute ungebrochener Diskurs der Ausgrenzung. Die Mörder von Eckard Rütz gaben vor Gericht an, das er als Obdachloser dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche gelegen hätte. Dies wurde vielfach zitiert, doch was steckt überhaupt in dieser Aussage?

Dahinter verbirgt sich die Auffassung Menschen anhand ihrer vermeintlichen Produktivität und ihrer vermuteten Leistungsfähigkeit einzuteilen. Wer in diesem Wettbewerb schlecht abschneidet fällt unter das Label „unnütz“ oder „Nichtsnutz“ und ist dann nicht mehr weit davon entfernt von anderen als „wertlos“ betrachtet zu werden.
Laut der Heitmeyer Studie zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit aus dem Jahr 2007, ist jeder und jede Dritte der Meinung das sich diese Gesellschaft keine Menschen leisten könne, die lediglich „wenig nützlich“ seien. Wenn es hierbei um Nützlichkeit, Produktivität oder vermeintliche Wertlosigkeit geht, klingt das nicht von ungefähr nach dem Vokabular aus der Volkswirtschaftslehre. Denn es handelt sich hierbei um den kühlen, nüchternen und umso menschenfeindlicheren Ausdruck der verinnerlichten kapitalistischen Verwertungslogik, die dem Einzelnen in diesem Staat von Kindesbeinen an eingeprügelt wird.
Die Messlatte für diese Werte, sind nicht etwa Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Lebensfreude oder schlicht Menschlichkeit, sondern reine Berechnung nach den Kriterien, die die Ökonomie an einen Menschen als Arbeiter_in anlegt – Leistungsbereitschaft und bedingungslose Unterordnung. Ein sauberer Lebenslauf und bloß keine „Verhaltensauffälligkeiten“. Wertlos ist in diesem Koordinatensystem, wer es nicht schafft sich dem Diktat des Arbeitsamtes unterzuordnen, wer nicht rund um die Uhr verfügbar ist und wer nicht bereit ist alle Interessen der Suche nach einem guten Job, dem Studium oder den Überstunden am Arbeitsplatz unterzuordnen. In diesem Sinne waren die Mörder von Eckard Rütz und Klaus-Dieter Gerecke die konsequentesten Vollstrecker genau dieser Logik und sie könnten auch heute noch mit Zustimmung rechnen, wenn nicht offen, dann heimlich. Selbst unter dem Druck der direkten Befragung und unter dem Licht des sozial-erwünschten Antwortens gaben über ein Drittel aller Befragten der Heitmeyer Studie an, dass Obdachlose sowieso nur unangenehm und arbeitsscheu seien. Unangenehm weil nach ihrer Logik nicht wertvoll, keine Leistungsträger. Solch ein gesellschaftliches Klima schafft einen Diskurs über diese nach kapitalistischer Logik makelhaften Menschen, von dem diese nicht nur ausgeschloßen sind, der ihre Perspektive also ausklammert, sondern der auch über sie urteilt.
Und doch ist es kein Zufall das in dieser Gesellschaft kein Interesse an nachhaltiger Hilfestellung oder einer grundlegenden Verbesserung der konkreten Lebenssituation von Obdachlosen besteht. So dienen sie in ihrer Existenz doch perfiderweise als lebende Mahnung für diejenigen, die sich noch im Arbeitsprozess befinden, aber aus den verschiedensten Gründen aus ihm heraus zu fallen drohen.
Dieses unweigerliche und höchst empörte Sprechen über vermeintliche Leistungsverweigernde & Arbeitsunwillige in allen erdenklichen Kontexten, ob in Fernsehen, Zeitung oder Zuhause am Küchentisch, produziert letztendlich genau die Gewalt, die Eckard Rütz und Klaus Gerecke zum bitteren Verhängnis wurde und so trägt die Gesellschaft und in diesem Fall Greifswald und seine Bevölkerung eine Mitschuld am Tod der beiden.

Wir haben keinen Bock in einer Gesellschaft zu leben, in der ein Individuum produktiv sein muss, um als Mensch anerkannt zu werden. Wir wollen eine Gesellschaft, die sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht an der kapitalistischen Verwertungslogik! Für die befreite Gesellschaft!

Greifswald, 27. November 2010

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