Bericht zur Gedenkdemonstration des Bündnisses „Schon Vergessen?“ in Greifswald


Am 25. November 2000 ermordeten Neonazis den obdachlosen Eckard Rütz an der Greifswalder Mensa. Bereits am Donnerstag, dem 10. Todestage Rütz‘, versammelten sich rund 80 Personen an dem Gedenkstein neben der Mensa zu einer Gedenkkundgebung des antifaschistischen Bündnisses „Schon Vergessen“, das seit 2007 für eine aktive und kritische Gedenkkutur in Greifswald eintritt.

Am vergangenen Samstag, dem 27. November 2010, beteiligten sich ca. 100 Menschen an einer Gedenkdemonstration für Eckard Rütz und den ebenfalls im Jahr 2000 von rechten Jugendlichen ermordeten obdachlosen Klaus-Dieter Gerecke. Die Demonstration richtete sich darüber hinaus auch gegen die wiedererstarkende Greifswalder Neonaziszene. Die Demo startete an der Greifswalder Mensa – jenem Ort inmitten der Greifswalder Innenstadt, am dem vor zehn Jahren Eckard Rütz ermordet wurde und an dem seit 2008 ein Gedenkstein an die Tat erinnert. In Redebeiträgen des Bündnisses „Schon vergessen?“ wurden die Themen Obdachlosigkeit und Ausgrenzung im gesellschaftlichen Kontext beleuchtet. Ein von der Antifaschistischen Aktion Greifswald bereitgestellter Redebeitrag thematisierte die lokalen Neonazistrukturen und deren zuletzt verstärkte Aktivitäten. Die Demonstration führte die Teilnehmer_innen durch die kaum belebten Nebenstraßen der Greifswalder Innenstadt, da die Stadtverwaltung einen Gang durch die belebten Einkaufsstraßen Greifswalds mit dem Verweis auf den dort stattfindenden Weihnachtsmarkt untersagt hatte. Die Stimmung auf der Demonstration war trotz der geringen Teilnahme und der unattraktiven Route gut. In der Langen Straße machten die Teilnehmer_innen auf die Wohnung eines lokalen Neonazis aufmerksam. Beendet wurde der Aufzug am Gedenkstein von Klaus-Dieter Gerecke, dem mit einer Schweigeminute gedacht wurde.

Im Vorfeld der diesjährigen Aktivitäten zum Todestag von Eckard Rütz versuchten die lokalen Neonaziportale erstmals das Gedenken für sich zu vereinnahmen. Greifswalds lokale Neonazigruppierung legte am Gedenkstein einen eigenen Kranz nieder (Aufschrift: „Obdachlose sind auch Deutsche.“) und stellten in ihrer medialen Inszenierung die ermordeten Obdachlosen in den Kontext ihrer Volksgemeinschaftsideologie (mehr dazu im Redebeitrag im Anhang.) Am Tag der Demonstration waren die Neonazis dann kaum präsent. Lediglich zwei vermummte, der rechten Szene Greifswalds zugehörige Personen, provozierten am Rande der Route in der Bahnhofsstraße. Die Demo reagierte geschlossen und konsequent – Den Nazis misslang die Flucht, was eine Auseinandersetzung mit Antifaschist_innen zur Folge hatte. Im Zuge dieser nahm die überforderte Polizei die beiden Neonazis in Verwahrung. Im Anschluss an die Demonstration wollten die, sich bis dato zurückhaltenden, Einsatzkräfte das Kennzeichen des Lautiwagens aufnehmen, was zu einigem Unmut unter den Demonstrationteilnehmer_innen führte. Die Situation beruhigte sich jedoch schnell wieder und es kam den gesamten Tag über zu keinen Fest- oder Ingewahrsamnahmen.

Trotz der Tatsache, dass die Demonstration ohne Störung ihr Anliegen vermitteln konnte, ist sie nicht zur Gänze als Erfolg zu bewerten. Das mediale und öffentliche Interesse und die breite Beteiligung von Bürger_innen an der inzwischen etablierten Gedenkkundgebung am Donnerstag steht im offenen Widerspruch zur geringen Teilnehmer_innezahl und dem medialen Desinteresse gegenüber der antifaschisten Bündnisdemonstration am Samstag. Für die nächsten Jahre bleibt zu wünschen, dass es dem Bündnis gelingt, über das jährlich wiederkehrende Gedenken hinaus eigene thematische Akzente zu setzen. Inhaltiche Anknüpfungspunkte, die es organisatorisch zu nutzen gilt, bestehen zum Beispiel zu antifaschistischen Kampagnen in anderen Städten, wie der „Niemand ist vergessen“-Kampagne in Berlin. (s. Niemand ist vergessen). Damit das bisher Erreichte, das Bewusstmachen und Verankern der Morde im kollektiven Gedächtnis der Hansestadt, nicht zum jährlich stereotypen Gedenkritus verkommt, sondern im Sinne eines aktiven und kritischen Gedenkens immmer wieder zum Anlass genommen wird, die Entwicklungen in der Greifswalder Erinnerungskultur kritisch zu reflektieren und und in diese zu intervenieren.
„Nichts und Niemand ist vergessen“ muss daher mehr sein als eine Phrase im jährlich wiederkehrenden Gedenkzyklus. Die Morde an Eckard Rütz und Klaus-Dieter Gerecke zeigen ganz deutlich die mörderischen Absichten der Neonazis, die ihrer menschenverachtenden Ideologie immanent sind. Es wird deutlich, wie wichtig es ist, sich an jedem Ort und zu jeder Zeit Neonazis und der strukturellen Gewalt des Kapitalismus zu widersetzen.

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