Kein langes Fackeln in Demmin

Am 8. Mai 2010 marschierten ca. 200 Neonazis der NPD und mit ihnen sympathisierender Kameradschaften in einem ursprünglich als nächtlichen Fackelmarsch geplanten Trauerumzug durch die Kreisstadt Demmin. Wie schon im vergangenen Jahr und auch bei ähnlichen Inszenierungen wie etwa vor zwei Monaten in Sassnitz, geht es ihnen dabei um die Pflege eines liebgewonnenen Mythos und die Umdeutung der Geschichte. Eine Nachbetrachtung.

Kriegsende in Demmin

Der Ursprung des Mythos und der Anlass für die Demonstration liegt im Jahr 1945. Ende April näherte sich die Rote Armee der Stadt, deren Bevölkerung, bis auf wenige Ausnahmen, nicht zur Kapitulation bereit war. In diesem Szenario, zwischen dem gewaltsamen Ende des nationalsozialistischen Demmins, dem Neuanfang auf Trümmern und dem als Kränkung empfundenen Eintreffen der sowjetischen Soldat_innen, welche laut der vorherrschenden rassistischen NS-Ideologie Angehörige einer vermeintlich minderwertigen „Rasse“ wären, spielte sich das ab, was heute als größter Massensuizid in der deutschen Geschichte angesehen wird.
Der Forschungsstand geht von bis zu 900 Deutschen aus, welche zum Teil Selbstmord begingen und zum anderen Teil durch ihnen nahe stehende Verwandte ertränkt wurden. Wie so oft gibt es hierfür keine monokausale Erklärung, vielmehr trugen eine ganze Reihe von Faktoren dazu bei, dass sich dieser Teil der Demminer Bevölkerung in eine derart verdichtete Wahnvorstellung hineinsteigerte, dass er sich selbst und sogar seine Schutzbefohlenen umbrachte.
Die Grundlage bildeten 12 Jahre nationalsozialistische Erziehung, deren Weltbild nicht nur die Ungleichwertigkeit von Menschenleben beinhaltete, sondern auch die archaisch anmutende Vorstellung vom Recht des Stärkeren. Wer sich als nicht stark genug erweisen würde, wäre es nicht Wert zu überleben.Die rassistische Ideologie der Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen, welche den Kampf der „Rassen“ propagierte, führte unter dieser Vorraussetzung zwangsläufig zu der Annahme, dass man dem vermeintlich minderwertigen Gegner überlegen sei und nur gewinnen könne. Als sich nach langen Kriegsjahren und den vielfältigsten Durchhalteparolen zeigte, dass an dieser Kalkulation etwas nicht stimmt, führte das nicht bei allen dazu, die eigene Ideologie zu hinterfragen. Stattdessen wurde die Rechnung umgedreht. Die Vorstellung im Kampf unterlegen zu sein in Kombination mit der Göbbelschen Gräuelpropaganda und dem in Deutschland allgegenwärtigen Zerrbild eines vermeintlich „jüdisch-bolschewistischen Sowjetrusslands“ führte zu einer narzisstischen Kränkung im Selbstbewusstsein der deutschen Nazis.

Mythenbildung und Geschichtskonstruktion

Wie Sassnitz, Stralsund oder Dresden rückt auch Demmin in den Fokus der Neonaziszene als ein Ort, in dem der praktische Versuch unternommen werden soll, die Geschichte umzudeuten. Über die Konstruktion eines Mythos von den angeblich in den Tod getriebenen Demminern und Demminerinnen wird versucht die Deutungshoheit über den 8. Mai als Tag der Befreiung zu erringen und ihn, in einem Akt der Identifikation mit dem nationalsozialistischen Kollektiv, zum Tag der eigenen Niederlage umzudeuten.Ähnlich wie auf all den anderen Baustellen des Geschichtsrevisionismus schnellen auch hier die Opferzahlen je nach politischer Orientierung beliebig in die Höhe. Während die Neonazis beim rechtsradikalen Internetportal „Altermedia“ im vergangenen Jahr noch unsicher über ihren Spielraum vergleichsweise tief stapelten:

„Mehr als 1000 Demminer wählten aus Furcht vor dem roten Terror, der die Stadt seinerzeit heimsuchte, den Freitod.“

… so besannen sie sich bald auf die Freiheit, die ihnen die Interpretationen bürgerlicher Akteure gaben:

„“Das Geschehen verursachte bei den Menschen eine Massenhysterie“, sagt der Rostocker Historiker Fred Mrotzek. Er schätzt, dass sich etwa 1200 bis 2500 Menschen das Leben nahmen.“

… und beanspruchten in diesem Jahr weitaus höhere Zahlen:

„Im Zuge der damaligen Befreiung wählten nahezu 2000 Demminer den Freitod, um nicht in die Hände der Sowjets zu fallen, bzw. als Konsequenz aus erlittenen Mißhandlungen durch die rote Soldateska, einer der größten Massenselbstmorde von denen die Geschichte weiß.“

Fackelmarsch in Demmin 2009

Dass Demmin einen hohen Symbolwert für das neonazistische Projekt der Umdeutung der Geschichte in Mecklenburg-Vorpommern hat, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass nicht nur dieses Jahr, sondern bereits 2006 und 2009 Aufmärsche anlässlich des 8. Mais stattfanden. Im letzten Jahr konnten circa 200 Neonazis, darunter NPD-Landtagsmitglieder wie Tino Müller oder Stefan Köster, aber auch überregional bekannte Neonazikader wie Thomas Wulff fast gänzlich ungestört mit Fackeln, Fahnen und Trommeln durch das nächtliche, fast menschenleere Demmin ziehen. Am Hafen der Hansestadt führten die Neonazis eine Kundgebung durch, bei der in pathetischen Reden und in rituellen und symbolischen Handlungen wie Schweigeminuten, die Selbststilisierung als völkisch-deutsche Opfergemeinde gänzlich vollzogen werden konnte.
Dass den Neonazis diese letztlich ungestörte Selbstinszenierung gelingen konnte, liegt unter anderem am Verhalten der Ordnungsbehörden, der lokalen Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft, sowie der Polizei. So reagierte Landrat Konieczny auf die Anmeldung des Aufmarsches mit vorauseilenden Gehorsam, indem er nicht einmal den Versuch unternahm, die Veranstaltung zu verbieten bzw. eine Auflage zum Verbot von Fackeln zu erteilen. Stadtvertreter_innen und Zivilgesellschaft, sowie die Kirchen entwarfen einen Aufruf, der die Demminer_innen dazu aufforderte, Fenster und Türen nach 20 Uhr zu schließen und den revisionistischen Aufmarsch vor der eigenen Haustür zu ignorieren. „Stell Dir vor, die Neonazis marschieren – und keiner schaut zu“, so fasste ein Lokalreporter die Maxime des Tages zusammen. Zu einem Friedensgebet drei Stunden vor Beginn der Neonazidemo fanden sich 100 Demminer_innen in der Bartholomäus Kirche zusammen. Anschließend trugen 25 Menschen ihren Protest gegen das neonazistische Projekt der Umdeutung der Geschichte mit einer spontanen Demonstration auf die Straße. Diese wenigen jungen Menschen, und nicht etwa die circa 200 Faschisten und Faschistinnen, schienen für die Polizei an diesem Tag der eigentliche Störfaktor zu sein. Drei Jugendliche wurden in Gewahrsam genommen, was selbst die Demminer Pastorin Kirstin Mewes-Goeze als „unverhältnismäßig“ kritisierte: „Ich war entsetzt über das Vorgehen der Polizei“. Die Polizei selbst verkündete, der Einsatz sei „ohne Vorkommnisse“ verlaufen und die Neonazis merkten im Nachhienein die große Zurückhaltung der Beamt_innen positiv an, die sich laut ihren Angaben im wesentlichen auf die Regelung des Verkehrs beschränkte.

PET-Flasche statt Fackelschein; Demmin 2010

In diesem Jahr verlief allerdings einiges anders. Die Anmeldung des Trauermarsch durch den Neonazi und Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion Michael Gielnik wurde bereits eine Woche im Vorfeld bekannt und auch die Stadt schien, in Anbetracht der negativen Schlagzeilen aus dem letzten Jahr, eher gewillt etwas zu unternehmen als noch beim ersten Mal.
So erließ der Landkreis drei Tage vorher ein Verbot für die Veranstaltung, mit der Begründung, dass durch die NPD-Demonstration und die Vielzahl der anderen, in Demmin zur selben Zeit vom 7. bis zum 9. Mai geplanten, Veranstaltungen, die Sicherheit und Ordnung nicht gewährleistet werden könne. Jedoch blieb dies eine symbolische Geste, da dass Verwaltungsgericht Greifswald die Entscheidung bereits zwei Tage später wieder aufhob. Was jedoch blieb war das Verbot der Fackeln, wodurch der martialischen Selbstinszenierung der Nazis bereits im Vorfeld ein wichtiges Element genommen wurde.
Dennoch blieb dies nicht der einzige Widerspruch auf den Versuch der Rechtsradikalen in Demmin Living History im braunen Stil zu betreiben. Die IG Metall und andere meldeten verschiedene Kundgebungen und Infostände an, so dass das für die Neonazis wichtige Peeneufer Ort einer Gegenveranstaltung wurde. So bestand die günstige Möglichkeit den etwa 200 Nazis am „Höhepunkt“ ihres Trauermarsches, der anstatt von Fackeln nun mit Totenlichtern, welche sich die Rechten aus Teelichtern und durchgeschnittenen PET-Flaschen bastelten, entgegenzutreten. Das Peeneufer ist deswegen wichtig, weil die Nazis, in Anspielung auf die Ertrunkenen, hier ihre beiden Reden abhielten (unter anderem von dem NPD-Kreistagsabgeordneten Marco Neumann) und hier auch den rituellen Kranzabwurf vollzogen. Der Trauergemeinde, bestehend aus altbekannten neonazistischen Schlägern und rechten Überzeugunstätern, fiel es dann auch sichtlich schwer angesichts des in direkter Nähe praktizierten verbalen Protests die verordnete Ruhe zu behalten und bemüht traurig auf den Boden zu glotzen. Es bedurfte daher dem disziplinierenden Blickregime der verkabelten Ordner um den selbstauferlegten Verhaltenskodex aufrechtzuerhalten.

Wir kommen wieder…

Im Nachhinein hält der Tag einige wichtige Erkenntnisse bereit. Während man sich im letzten Jahr noch durch die von den Nazis konstruierte Drohkulisse des nächtlichen Fackelmarsches vom direkten Protest abhalten und die wenigen Antifaschist_innen vor Ort alleine ließ, gelang es engagierten Bürger_innen und Antifaschist_innen gemeinsam zu beweisen, das es auch in Demmin möglich ist gegen Nazis aktiv zu werden. Den beleidigenden Sprüchen und dem willkürlichen Verhalten der Polizei zum Trotz konnten 50 Menschen mobilisiert und die Trauer-Show der Geschichtsrevisionist_innen empfindlich gestört werden.

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1 Antwort auf „Kein langes Fackeln in Demmin“


  1. 1 antifademmin 14. Juli 2010 um 23:08 Uhr
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